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Liebe Blog-Freundinnen und Freunde!

Monatelang erscheint hier nichts auf „Herbert liest!“ und jetzt hier gibt es ausgerechnet eine Nachricht zur heute in Kraft getretenen EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Na, wenn das kein aufregender Neuanfang ist….

Ich habe keine Ahnung, ob diese Nachricht wirklich notwendig ist, aber dennoch würde ich euch gern darüber informieren, dass wir die von euch mitgeteilten E-Mail-Adressen automatisch gespeichert haben. Wie nutzen die Adressen ausschließlich zur Zusendung unserer Blog-Updates.

Ihr habt das Recht auf Löschung der Daten (sprich: E-Mail-Adressen) und Widerspruch gegen die weitere Verwendung (wobei es keine weitere Verwendung dieser Daten von unserer Seite gibt.) In diesem Fall schreibt uns bitte kurz eine Mail und wir nehmen euch aus dem Verteiler. Oder meldet euch selbst einfach ab.

Beim nächsten Mal melde ich mich dann hoffentlich mit noch aufregenderen Themen  und Büchern (wie zum Beispiel Svenja Leibers „Staub“ : Ich fahre gleich mit dem Zug zu meinen Eltern und habe mir das in die Reisetasche gepackt. Die ersten 100 Seiten waren schon mal großartig, wenn auch bedrückend….)

So Arbeit und Leben es zulassen, gibt’s dann hoffentlich bald mehr hier.

 

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Schon oft habe ich mir vorgenommen, ein Lesetagebuch zu schreiben, am Ende des Jahres hat man ja oft vergessen, was man an seinem Anfang gelesen hat. Ein bisschen ist der Blog natürlich so eine Erinnerungsliste, aber hier tauchen nur selten die Bücher auf, bei denen ich stecken geblieben bin oder die ich gar nicht mochte und auch längst nicht alle, die ich mit Genuss gelesen habe. Daher hier noch ein paar last-minute-Nachträge für dieses Jahr:

Ein Buch, das mich komplett kalt gelassen hat, war der internationale Bestseller der Südkoreanerin Han Kang „The Vegetarian“. Das hatte ich auf eine Dienstreise nach Seoul im März mitgenommen, konnte aber mit dieser kühlen Sezierung von Sexualität und Wahnsinn und Familienverflechtungen nichts anfangen. Oder die „Sieben Nächte“ von Simon Strauss: ein junger gebildeter, wohlstandssatter Mann auf der Suche nach dem großen Gefühl und voller Angst vor der Konformität. Sieben Todsünden will er in einer Woche begehen, aber das Ganze bleibt arg brav und konstruiert: Es ist bestimmt hart, der Sohn von Botho Strauß zu sein. Nicht zu Ende gelesen habe ich Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“, aber aus ganz anderen Gründen. Dieser Roman über 4 Freunde in New York fängt großartig an und ist fabelhaft geschrieben, aber ich hatte einfach Angst vor der Schilderung der Grausamkeiten, über die alle Freunde berichtet haben. Aber das Buch läuft mir ja nicht davon….

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Und nun noch schnell Hinweise auf drei Bücher, von denen ich zwei ziemlich gut und eines ganz herausragend fand: Husch Josten hat mit „Hier sind Drachen“ ein kleines, feines und philosophisches Buch über Zufall und Schicksal geschrieben. Sehr aktueller Text, der einen Tag nach den Terroranschlägen 2015 in Paris auf dem Flughafen in Heathrow spielt, mit einer klugen Journalistin und einem weisen Unbekannten in den Hauptrollen. Ebenfalls gut hat mich Theresia Enzensberger mit „Blaupause“ unterhalten.  Eine  „straight forward“ und etwas konventionell erzählte Emanzipationsgeschichte über eine junge Frau, die sich in den 20er Jahren als Schülerin am Bauhaus in Weimar und dann Dessau einschreibt. Vor allem lernt man viel über das Bauhaus selbst, seine charismatischen Lehrer und die unruhige Weimarer Moderne. Und dann noch ein Buch, über das ich nächstes Jahr, wenn es auf Deutsch rauskommt, sicher mehr sagen werde: Alan Hollinghursts neuen Roman „The Sparsholt Affair“. Ich habe dieses Buch noch mehr geliebt als sein letztes. Dies ist ein ganz groß angelegtes Sittengemälde Englands von den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute. Es geht wie immer bei Hollinghurst um schwule Biographien, um die Londoner Intelligentsia, um die Liebe zur Kunst, um das Leben im Allgemeinen und um das Älterwerden im Besonderen. Es geht darum, was im Leben wirklich zählt und von einem Leben bleibt. Schöneres Englisch als das von Alan Hollinghurst kann man sich kaum vorstellen und ebenso schön wie die Sprache ist die irre Konstruktion der Geschichte, die mit großen Sprüngen durch die Jahrzehnte schreitet und dadurch nicht nur eine lange Zeitspanne, sondern einen großen schillernden Kosmos von Figuren präsentieren kann.

Aber nun ist 2017 fast vorbei und der Blick geht nach vorn: Wenn man am Ende des Jahres Geburtstag hat, hat man den Vorteil, dass man gleich jede Menge Lektüre für das neue Jahr bekommt. Es gibt zwar viele Freunde, die es aufgegeben haben, mir Bücher zu schenken, weil ihnen das zu gefährlich ist. Die schenken mir dann zum Beispiel Alkohol oder andere leckere Dinge oder Kunst oder Konzertkarten oder einen fabelhaften Fahrradhelm, den ich euch nicht vorenthalten will:

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Und dann gibt es die, die mich auf bestimmte Autoren hinweisen oder einfach Entdeckungen teilen wollen. Oder die mit viel Feingefühl versuchen, genau meinen Geschmack zu treffen (den ich selbst ja gar nicht so genau kenne). Und am Schluß ist dann da meist eine wilde Mischung auf dem Gabentisch. In diesem Jahr gehören zum Beispiel Edward St. Aubyns Neufassung des King Lear-Stoffs „Dunbar“ ebenso dazu wie die Predigten des katholischen Paters Josef Schulte „Auferstehen jetzt“. Oder Bildbände von Annie Leibowitz und Ron Jude. Oder oder….Und da ich durch Dalrymples wilden Trip durch die Geschichte und Gegenwart der orthodoxen Kirchen „From the Holy Mountain“ (Folge 34) noch immer mental völlig im Nahen Osten bin, habe ich mir die beiden nahöstlichen Titel ganz oben auf den Lesestapel gelegt: Mathias Enards „Kompass“, die Erinnerungen eines schlaflosen Orientalisten, für das er den Prix Goncourt bekommen hat, und Shida Bazars „Nachts ist es leise in Teheran“. Noch lieber als über Teheran zu lesen würde ich ja auch mal nach Persien fahren, aber das ist ein anderes Thema…

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Genug geschwätzt: einen guten Rutsch euch allen und ein tolles Jahr 2018 mit vielen großartigen Leseerlebnissen!

Auch wenn ich dieses Jahr eigentlich jede Menge Romane gelesen habe, hat sich doch nie die Zeit gefunden, mal wieder ein Video zu drehen. Und jetzt könnte ich natürlich viele Bücher empfehlen, hab mich aber auf 3 +2 beschränkt. Denn einige von den Büchern, die ich endlich gelesen habe, habt ihr sicher schon vor Monaten oder letztes Jahr gelesen, die brauche ich gar nicht empfehlen, Juli Zehs unfassbar unterhaltsamen und bösen Ost-West-Roman „Unterleuten“ zum Beispiel oder Bov Bjergs bittersüßen Coming-of-Age Erfolg „Auerhaus“. Alle Feuilletons fanden Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ fabelhaft, ich war nur halb überzeugt, zu viel Soziologenchinesisch zwischendurch und überhaupt: Da versucht einer, seine rechtsradikale Familie zu verstehen und hält es nicht einmal für nötig, mit seinen entfremdeten Geschwistern zu sprechen. Ein bisschen mehr Mühe hätte der sich schon machen können. Oder auch der neue Auster: ich bin ja ein großer Auster-Fan, aber bei „4321“ bin ich tatsächlich auf Seite 800 oder so steckengeblieben, weil mir schlicht langweilig wurde. Natürlich eine großartige Schilderung von Amerika in den Fünfzigern und Sechzigern, komplizierte jüdische Familien, High School, erste Liebe, Begeisterung für Baseball, Basketball, Musik und all das, aber die vier alternativen Leben des Helden sind dann doch so ähnlich, dass man etwas ermüdet das Buch zur Seite legt. Meine Hauptempfehlungen sind daher diesmal Ijoma Mangold, Elena Lappin und ein alter Favorit von mir: die sensationellen Reisebeschreibungen von William Dalrymple aus dem Nahen Osten der 90er Jahre.

Lange habe ich nicht mehr mit so großer Begeisterung ein Buch „durchgefräst“, wie ein früherer WG-Mitbewohner zu sagen pflegte, wie Karl Heinz Bohrers „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“. Da erzählt ein inzwischen 84jähriger Denker auf über 500 Seiten über seine lebenslange – theoretische und praktische – Faszination für das Glück des intensiv gelebten und beschriebenen Augenblicks.

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Für diejenigen, die Bohrer nicht kennen: Er war mal Literaturchef der FAZ, später Professor für Literaturwissenschaft in Bielefeld mit Wohnsitz in Paris und über 20 Jahre Herausgeber des „Merkur“, der vielleicht interessantesten intellektuellen Zeitschrift in Deutschland. Außerdem war er ein wichtiger Anreger für meine Doktorarbeit über den Augenblick und ich glaube, ich habe erst jetzt mit 25 Jahren Verspätung so richtig verstanden, worum es ihm immer ging: den absoluten Eigenwert der Kunst und dass Literatur in erster Linie eigentlich nichts mit Inhalten zu tun hat, so bedeutend sie auch sein mögen. Eine ziemlich steile These also.

Das klingt jetzt etwas theoretisch (was das Buch zwischendurch auch ist). Aber das Buch ist auch randvoll mit tollen Geschichten, Beobachtungen und Anekdoten – über Fußball und Theater, über Habermas, mit dessen Werk und Person er sich immer wieder auseinandersetzt, über Thomas Bernhard, Michel Krüger und Alfred Brendel oder über Ulrike Meinhof, mit der er befreundet war. Es gibt kluge Beobachtungen über England in den 70ern und Frankreich in den 80ern und die anrührende Beschreibung seiner Beziehung zu Undine Gruenter und ihres Kampfs mit einer schrecklichen Krankheit. Zwei seiner Lieblingsthemen kommen natürlich auch immer wieder vor, seine Kämpfe gegen den von ihm diagnostizierten deutschen Provinzialismus und den langweiligen ideologischen Konformismus seiner Professorenkollegen. Eigentlich habe ich noch nie eine Autobiographie gelesen, in dem ein theoretisch-akademisches Interesse als Erklärungsmuster für das eigene Leben so gut funktioniert.

Dies ist ein Buch für Leute, die sich für die intellektuelle Geschichte der Bundesrepublik interessieren, glänzend geschrieben, nie langweilig, immer anregend, auch wenn man zweifelsohne nicht immer seiner Meinung sein muss. Und ironischerweise ist diese Geschichte viel spannender als Bohrer immer behauptet hat. Was ich als Nächstes lese, ist klar: Bohrers Kindheits- und Jugenderinnerungen „Granatsplitter“. Ich freu mich jetzt schon. Ach, und dass ich es nicht vergesse: Frohe Ostern euch allen!

Andere haben den langen Winter über dicke Bücher gelesen, aber ich hatte geradezu einen Leseblock. Der neue 1000-Seiten Wälzer von Paul Auster – immer noch unberührt auf dem Nachttisch, Hanya Yanagiharas  „‚Ein wenig Leben“ – abgebrochen aus Angst vor den Schrecklichkeiten, die darin geschildert werden und diverse andere Romane – zur Seite auf den Stapel der Ungeliebten gelegt. Habe stattdessen auf allen Kanälen die politischen Ereignisse in der Welt verfolgt. Aber jetzt reicht’s auch mal wieder. Drei schmale Bücher möchte ich euch ans Herz legen, alle drei habe ich in einem Rutsch gelesen, persönliche Essays, berührend, klug und manchmal auch ziemlich komisch. Daniel Schreibers „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen.“, Susanne Mayers „Die Kunst, stilvoll älter zu werden. Erfahrungen aus der Vintage-Zone“ und Christoph Peters‘ „Diese wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee“.

Heute ein Roman von der Longlist des Deutschen Buchpreises, den ich eigentlich nur Hardcore-Romanisten mit Hang zur mittelalterlichen Literatur empfehlen kann: „Das Pfingstwunder“ von Sibylle Lewitscharoff ist ein überaus gelehrtes, aber leider auch altkluges Buch, das seinen Lesern den aktuellen Forschungsstand zu Dantes „Göttliche Komödie“ samt Vor- und Nachteilen verschiedener Übersetzungen dieses Werkes nahe zu bringen versucht. Über so etwas sollte man einen Forschungsbericht oder eine Dissertation schreiben, aber unter gar keinen Umständen einen Roman. 350 Seiten über 34 Akademiker, die sich gegenseitig Vorträge halten, das sind in der Tat Höllenqualen, die man da als Leser erleidet…. Und das, obwohl Sybille Lewitscharoff eigentlich eine wirklich originelle Autorin und erstklassige Stilistin ist.

„Den August ging Herbert durch’s Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen…“ Na, wer erkennt das Zitat? Mein Begleiter im Tiroler Wanderurlaub war aber nicht Georg Büchners „Lenz“, sondern Peter Stamms „Weit über das Land“ von der Longlist des Deutschen Buchpreises. Die eindrucksvollen Schilderungen einer Flucht durch das Gebirge passten aufs Wunderbarste mit meinen eigenen Naturerfahrungen am Berg zusammen. Nun also mein zweiter Videoblog aus dem Urlaub, immer noch improvisiert, aber immerhin schon im richtigen Format…. Falls einer wissen will, welches Felsmassiv da so majestätisch im Hintergrund thront: es ist der Rosengarten in den Dolomiten.

 

Und hier noch ein paar Impressionen vom Lesen im „Gebirg“. Ich muss zugeben, dass die Bilder ziemlich gestellt sind. Denn zumeist habe ich abends im Bett gelesen und mir selten den Rucksack mit Büchern beschwert. Die Kapelle unten ist dem Hl. Sebastian gewidmet und steht im herrlichen Tierser Tal.