Ich bin ja ein großer Fan des Deutschen Buchpreises, denn ich finde, dass er seit seiner ersten Vergabe 2005 wirklich geholfen hat, deutsche Autoren und ihre Bücher bekannter zu machen. Da hat sich der Börsenverein clever den britischen Booker Prize zum Vorbild genommen. Allerdings konnte ich die Entscheidungen der Jurys in den vergangenen Jahren nicht immer nachvollziehen. Die hatten so eine Tendenz, sich am Ende für das komplizierteste, das langweiligste, das längste oder das „thematisch wichtigste“ Buch zu entscheiden. Man könnte ja auch einfach mal den lesbarsten Roman oder die originellste Geschichte des Jahres prämieren, oder? Jedenfalls scheint es mir der Sinn des Preises zu sein, Bücher zu populärer zu machen, die einerseits anspruchsvolle Literatur sind, aber andererseits auch über den Kreis von Literaturkritikern hinaus bei der Normalleserin Anklang finden (und schon sind wir beim Thema Elite und breite Masse, seit der Brexit–Entscheidung aktueller denn je….)

Wie dem auch so, in diesem Jahr dürfen wir selbst ein bisschen mitreden, denn seit heute steht es offiziell fest: „Herbert liest!“ gehört mit fünf anderen zur Gruppe der Buchpreisblogger.

(Logo Jochen Kienbaum, lustauflesen.de)

Das heißt, dass wir sechs ab 23. August die 20 Bücher der Longlist gemeinsam lesen, kommentieren und öffentlich im Netz diskutieren wollen. Und das ganze wird auf der Facebook-Seite des Buchpreises zusammengeführt www.facebook.com/DeutscherBuchpreis. Mit dabei sind in diesem Jahr auch:

Eine sehr belesene Freundin mit großer Vorliebe für angelsächsische Romane meinte: „Willst du dir das wirklich antun? Wie viele tolle deutsche Romane hast du denn in den letzten Jahren gelesen?“ Nun, einige dann doch! Aber bei zwanzig Büchern ist die Wahrscheinlichkeit wohl hoch, dass man sich auch durch einige zähe Brocken kauen muss. Jedenfalls muss ich mir keine Gedanken über meine Urlaubslektüre dieses Jahr machen und darf mich auf Diskussionen mit Jochen, Jacqueline, Tobias, Gérard und Sophie freuen! Und auch darauf, am 17.10. zur Buchpreisverleihung nach Frankfurt zu fahren.

 

 

 

Diesmal nur eine einzige Leseempfehlung: Oliver Hilmes ist das Kunststück gelungen, ein sehr unterhaltsames und zugleich sehr ernsthaftes Buch über die Olympischen Spiele in Berlin 1936 zu schreiben. Ein kluges, glänzend geschriebenes Lehrstück über Propaganda, Inszenierung und die Macht der Bilder. Ein buntes Kaleidoskop, dessen Thema das Lebensgefühl in einem totalitären Staat ist, der sich eine weltoffene Fassade verpasst – für zwei intensiv-flirrende Wochen im August.

IMG_4607Als Vorbereitung auf unseren Sizilien-Urlaub zum ersten Mal „Der Leopard“ gelesen, was für ein umwerfender Roman! Lange hat mich kein Buch mehr so umgehauen wie dieses. Den Visconti-Film mit Claudia Cardinale, Alain Delon und Burt Lancaster hatte ich noch vage in Erinnerung, vor allem die üppige Ball-Szene in prachtvoller sizilianischer Umgebung. Aber nun das Buch von Giuseppe Tomasi di Lampedusa mit der Geschichte von Fürst Fabrizio, dem Chef des traditionsbewussten Hauses Salinas: Es geht um den Niedergang des alten feudalistischen Systems in Sizilien und den Aufstieg einer neuen bürgerlichen Klasse nach der Einigung Italiens 1860, wobei sich das verbrauchte alte Regime mit dem nicht weniger ungerechten, nur demokratisch angestrichenen neuen Regime klug verbündet. Symbolisch besiegelt wird das alles in der Ehe von Fabrizios Neffen Tancredi mit der schönen, aber gewöhnlichen Aufsteigerin Angelica. Neben dieser politischen Geschichte geht es, wie es sich für einen großen Roman gehört, aber vor allem um die ganz großen Fragen des menschlichen Lebens: Wie soll man leben, wie lieben und wie sterben? Don Fabrizio, nach den Leoparden im Familienwappen auch „il Gattopardo“ genannt, gibt darauf einige beeindruckende Antworten. Wir lernen ihn im ersten Kapitel auf dem Höhepunkt seiner körperlichen, geistigen und politischen Macht kennen und wir begleiten ihn im siebten Kapitel dreiundzwanzig Jahre später in den Tod. Ich kann mich nicht erinnern, je ein so berührendes Sterbekapitel gelesen zu haben („Winnetou III“ mal ausgenommen) mit eindrücklichen Bildern dafür, wie das Leben einen Menschen langsam verlässt. Fabrizio zieht gelassen ein ziemlich niederschmetterndes Fazit: „Ich bin dreiundsiebzig Jahre alt, in Bausch und Oben werde ich davon gelebt haben, wirklich gelebt, eine Gesamtsumme von zwei… drei  höchstens. Und die Schmerzen, die Öde, wieviele Jahre waren das? Unnütz, das mühsam zusammenzuzählen – alles, was übrigbleibt: siebzig Jahre.“ Genug gesagt, ein großartig melancholisches Buch, das dem Leser zuruft: Das Leben rennt, carpe diem!

Die junge Angela Merkel, Hello Kitty und ein Sprung ins kalte Wasser – die neue Folge hat wieder einiges zu bieten!

Viel Spaß mit:
Benedict Wells: „Das Ende der Einsamkeit“
Jakob Hein: „Kaltes Wasser“
Michel Bergmann: „Alles was war“

 

IMG_4138Draußen ist gräulich-abscheuliches Regenwetter und die Weltlage ist sogar noch scheußlicher. Da darf man sich ein bisschen Eskapismus wohl leisten: die warme Decke rausholen, Tee kochen und sich auf dem Sofa mittels eines heiteren Buches in eine andere Galaxie beamen. Meine Empfehlung ist ein „whodunit“ der besonderen Art. Vorweg muss ich gleich einräumen, dass ich die reizende Autorin kenne und daher klar parteiisch bin. Isabel Bogdan hat ihren ersten Roman „Der Pfau“ geschrieben, KiWi hat daraus ein ausgesprochen hübsches Buch gemacht und so schimmernd glänzend wie sein Cover ist auch sein Inhalt: Ein Landsitz in den schottischen Highlands, seine charmanten Besitzer, eine Gruppe Londoner Banker, die für ein Wochenende Teambuilding betreiben wollen und gut besetzte Nebenrollen, die von einer resoluten Köchin und einer ehrgeizigen Psychologin bis zu sehr eigenwilligen Haustieren reichen. Ein Kurzschluss der veralteten Elektrik macht den alten Kasten noch kälter, unerwarteter Schneefall schließt alle von der Welt da draußen ab und eigentlich passiert sonst gar nichts, außer dass ein durchgedrehter Pfau verschwindet und sich durch diverse Verwicklungen fast alle dafür verantwortlich fühlen. Das erinnert an eine Versuchsanordnung wie von Agatha Christie oder Roald Dahl, nur dass kein Mensch stirbt. Dank durchgehend indirekter Rede aller Figuren hat man den Eindruck, dass der Erzähler einem die Geschichte unmittelbar erzählt, was den Lesesog eindeutig verstärkt. Zugegeben, dass ist jetzt kein Buch, das euer Leben ändern wird, sondern ein klassischer Fall von gut gemachter Genre-Literatur irgendwo zwischen Komödie und Krimi. Oder um es kulinarisch auszudrücken, der Roman ist wie ein wunderbar aufgegangenes Soufflé: Köstlich, luftig, und am besten schnell und mit Heißhunger zu genießen. Besonders zu empfehlen für Liebhaber der englischen Küche!

 

 

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In vielerlei Hinsicht war 2015 kein einfaches Jahr und das gilt sicherlich besonders im Weltmaßstab. Ich habe mir für die Zeit „zwischen den Jahren“ zwei dicke Lieblingsbücher ans Bett gelegt, die einem helfen, zwei der zur Zeit schwierigsten Länder zu verstehen: „Krieg und Frieden“ habe ich vor mehr als 30 Jahren als 16jähriger Schüler gelesen und vermutlich damals gar nicht verstanden. Jetzt bin ich atemlos wieder mitten drin: auch wenn Tolstois unfassbar komplexer und wunderbarer Roman tiefstes 19. Jahrhundert ist und Ereignisse vor 200 Jahren beschreibt, glaubt man, dadurch auch ein bisschen besser die russische Politik von heute zu verstehen. Dieses unglaubliche Selbstbewusstsein der russischen Aristokratie bei gleichzeitigen Unterlegenheitsgefühlen und Hassliebe zum Westen, der immer etwas voraus ist, da erkennt man einiges wieder…

Rafik Schamis „Die dunkle Seite der Liebe“ ist erst etwas mehr als 10 Jahre alt und hat mir einmal geholfen, grauenhaft verregnete und kalte Februar-Tage auf La Palma zu überstehen: Eine Liebeserklärung an Damaskus im Gewand einer dunklen Romeo & Julia-Geschichte mit einer Blutfehde zwischen einer christlich-arabischen und muslimisch-arabischen Familie. Das ist große, orientalisch-verschlungene Erzählkunst, die einem über einen Zeitraum von drei Generationen vor Augen führt, wie in Syrien höchste zivilisatorische Finesse und geradezu mittelalterlich-patriachalisches Denken nebeneinander existieren und wie der ganz normale Wahnsinn von Familienehre, Religion und Politik zu Explosionen von Hass und Gewalt führt, die Liebe aber immerhin dagegen hält.

Ich wünsche euch allen ein frohes und friedliches Jahr 2016, auch wenn die Zeichen dafür weltweit ja nicht besonders gut aussehen. Aber Gott sei Dank liegen da noch Stapel von Büchern, die darauf warten, uns aufzumuntern, aufzuklären oder einfach mal in andere Welten wegzubeamen…

Guten Rutsch euch allen und Happy New Year!

 

 

Diesmal greifen wir zum bewährtesten YouTube-Trick überhaupt und haben ein Haustier als Gaststar eingeladen: In Ermangelung eines süßen Kätzchens begleitet mich ein extrem niedlicher Welpe bei meinen Buchempfehlungen. Und bei den Büchern setze ich auf das großartige neue Buch von Joachim Meyerhoff, das die Bestsellerlisten ja schon stürmt, und auf zwei junge Klassiker, die ideale Weihnachtsgeschenke sind, wenn einem gar nicht anderes einfällt: Alan Bennetts „Die souveräne Leserin“ und Hans-Ulrich Treichels „Der Verlorene“, zwei perfekte Erzählungen, die garantiert Vätern, Müttern und Schwiegermüttern sowie besten Freundinnen, Patenkindern, Ehemännern und allen anderen auch gefallen. Und das alles in der frisch renovierten und wunderbar vollgestopften Wohnung meiner Freunde Wilhelm und Brian.

 

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