Was macht ein Booktuber, wenn er ohne seine technisch versierte Mitstreiterin in Urlaub fährt? Dann probiert er das Filmen mal ohne sie – das iPhone kann ja vieles – und macht dabei diverse Fehler, wie ihr hier sehen könnt…. Heute also live aus den Südtiroler Bergen eine Besprechung von Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“. Sehr düster, sehr österreichisch und sehr gut geschrieben, aber ob dieser Roman es von der Longlist auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schafft, wage ich dennoch zu bezweifeln. Alle Titel der Liste unter Deutscher Buchpreis.

 

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Die Longlist zum Deutschen Buchpreis ist endlich raus:  20 Titel wie jedes Jahr, eine bunte Mischung aus bekannten und unbekannten Autoren, auf jeden Fall eine spannende Auswahl. Aber wie soll man als Buchpreis-Blogger jetzt in kurzer Zeit was Gescheites dazu sagen, wenn man von den 20 Titeln bislang genau einen kennt? Dieser eine Titel ist Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ und den habe ich euch in Folge 26 von „Herbert liest!“ bereits ans Herz gelegt. Komischer, trauriger und berührender als die inzwischen schon dreiteilige Autobiographie von Meyerhoff kann Literatur fast nicht sein. Aber eigentlich braucht Meyerhoff den Buchpreis nicht, auch wenn ich ihm den Preis sehr gönne: denn erstens ist er schon so wahnsinnig erfolgreich und zweitens passen seine Bücher nur so halb in die Kategorie Roman. Bleiben noch 19 Bücher auf der Liste…

Zwei davon (Peter Stamms „Weit über das Land“ und Reinhard Kaiser-Mühleckers „Fremde Seele, dunkler Wald“) hatte ich schon vor Verkündung der Liste mit sicherer Intuition in den Rucksack für den Wanderurlaub in Tirol gepackt. Leider bin ich mit beiden noch nicht weit gekommen, denn nach sechsstündigen Bergtouren am Tag und Schnitzel am Abend schaffe ich immer ziemlich genau drei Seiten. Daher wandern die Bücher nun einfach mit. Kaiser-Mühlecker war mit mir – wie man sieht – schon auf dem Grat, im Schnee und auf der Alm! Und dieses dunkel-österreichische Buch über die Unentrinnbarkeit von Herkunft und Landschaft würde eigentlich ganz ausgezeichnet ins abgelegene Kaunertal passen, wenn es hier nicht so frisch und aufgeräumt aussähe und der Gletscher nicht so weiß unterm blauen Himmel leuchten würde.

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Besonders gespannt bin ich auf das neue Buch von Sybille Lewitscharoff „Das Pfingstwunder“. Die hat wirklich immer interessante Ideen, die zwischen völliger Verschrobenheit und wunderbaren Erfahrungen von Transzendenz im Alltag schwanken. Von Thomas von Steinaeckers Roman „Die Verteidigung des Paradieses“ hat mir ein Freund vor zwei Wochen in glühenden Farben vorgeschwärmt, sodass ich jetzt sogar freiwillig zu einem düsteren Science Fiction-Roman greifen werde. Und Peter Stamm haben mir schon so viele Leute empfohlen, daß ich jetzt endlich mal die Gelegenheit ergreifen werde ihn zu lesen. Allein schon wegen des schönen Titels „Weit über das Land“. Der passt zu meiner Urlaubsstimmung bestens. Ich werde berichten….

Einen tollen Überblick und eine erste Einführung in alle nominierten Bücher gibt euch auch die Seite: www.deutscher-buchpreis.de. Eine erste Einschätzung der sechs Buchpreisblogger zu dieser Liste findet sich auf Gérard Otrembas Blog Sounds and Books.

Hier noch einmal alle 20 Bücher für diejenigen, an denen die Longlist bisher vorbeigegangen ist.

Akos Doma: Der Weg der Wünsche
Gerhard Falkner: Apollokalypse
Ernst-Wilhelm Händler: München
Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis
André Kubiczek: Skizze eines Sommers
Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes
Katja Lange-Müller: Drehtür
Dagmar Leupold: Die Witwen
Sibylle Lewitscharoff: Das Pfingstwunder
Thomas Melle: Die Welt im Rücken
Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Hans Platzgumer: Am Rand
Eva Schmidt: Ein langes Jahr
Arnold Stadler: Rauschzeit
Peter Stamm: Weit über das Land
Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch
Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses
Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen
Philipp Winkler: Hool

 

Ich dachte bislang, dass ich meine Bibliothek eigentlich schön ordentlich organisiert habe. Ein Besuch bei Gèrard Otremba in Hamburg hat mich belehrt, dass es noch viel ordentlicher geht! Gérard gibt das Online-Magazin „Sounds and Books“ heraus und gehört zu der Gruppe von Bloggern, die ab Ende August die Long List des Deutschen Buchpreises kommentieren. Dazu gibt’s wie immer Buchempfehlungen: Diesmal Rasha Khayat: „Weil wir längst woanders sind“ und Jonas Karlsson: „Das Zimmer“.

 

Ich bin ja ein großer Fan des Deutschen Buchpreises, denn ich finde, dass er seit seiner ersten Vergabe 2005 wirklich geholfen hat, deutsche Autoren und ihre Bücher bekannter zu machen. Da hat sich der Börsenverein clever den britischen Booker Prize zum Vorbild genommen. Allerdings konnte ich die Entscheidungen der Jurys in den vergangenen Jahren nicht immer nachvollziehen. Die hatten so eine Tendenz, sich am Ende für das komplizierteste, das langweiligste, das längste oder das „thematisch wichtigste“ Buch zu entscheiden. Man könnte ja auch einfach mal den lesbarsten Roman oder die originellste Geschichte des Jahres prämieren, oder? Jedenfalls scheint es mir der Sinn des Preises zu sein, Bücher zu populärer zu machen, die einerseits anspruchsvolle Literatur sind, aber andererseits auch über den Kreis von Literaturkritikern hinaus bei der Normalleserin Anklang finden (und schon sind wir beim Thema Elite und breite Masse, seit der Brexit–Entscheidung aktueller denn je….)

Wie dem auch so, in diesem Jahr dürfen wir selbst ein bisschen mitreden, denn seit heute steht es offiziell fest: „Herbert liest!“ gehört mit fünf anderen zur Gruppe der Buchpreisblogger.

(Logo Jochen Kienbaum, lustauflesen.de)

Das heißt, dass wir sechs ab 23. August die 20 Bücher der Longlist gemeinsam lesen, kommentieren und öffentlich im Netz diskutieren wollen. Und das ganze wird auf der Facebook-Seite des Buchpreises zusammengeführt www.facebook.com/DeutscherBuchpreis. Mit dabei sind in diesem Jahr auch:

Eine sehr belesene Freundin mit großer Vorliebe für angelsächsische Romane meinte: „Willst du dir das wirklich antun? Wie viele tolle deutsche Romane hast du denn in den letzten Jahren gelesen?“ Nun, einige dann doch! Aber bei zwanzig Büchern ist die Wahrscheinlichkeit wohl hoch, dass man sich auch durch einige zähe Brocken kauen muss. Jedenfalls muss ich mir keine Gedanken über meine Urlaubslektüre dieses Jahr machen und darf mich auf Diskussionen mit Jochen, Jacqueline, Tobias, Gérard und Sophie freuen! Und auch darauf, am 17.10. zur Buchpreisverleihung nach Frankfurt zu fahren.

 

 

 

Diesmal nur eine einzige Leseempfehlung: Oliver Hilmes ist das Kunststück gelungen, ein sehr unterhaltsames und zugleich sehr ernsthaftes Buch über die Olympischen Spiele in Berlin 1936 zu schreiben. Ein kluges, glänzend geschriebenes Lehrstück über Propaganda, Inszenierung und die Macht der Bilder. Ein buntes Kaleidoskop, dessen Thema das Lebensgefühl in einem totalitären Staat ist, der sich eine weltoffene Fassade verpasst – für zwei intensiv-flirrende Wochen im August.

IMG_4607Als Vorbereitung auf unseren Sizilien-Urlaub zum ersten Mal „Der Leopard“ gelesen, was für ein umwerfender Roman! Lange hat mich kein Buch mehr so umgehauen wie dieses. Den Visconti-Film mit Claudia Cardinale, Alain Delon und Burt Lancaster hatte ich noch vage in Erinnerung, vor allem die üppige Ball-Szene in prachtvoller sizilianischer Umgebung. Aber nun das Buch von Giuseppe Tomasi di Lampedusa mit der Geschichte von Fürst Fabrizio, dem Chef des traditionsbewussten Hauses Salinas: Es geht um den Niedergang des alten feudalistischen Systems in Sizilien und den Aufstieg einer neuen bürgerlichen Klasse nach der Einigung Italiens 1860, wobei sich das verbrauchte alte Regime mit dem nicht weniger ungerechten, nur demokratisch angestrichenen neuen Regime klug verbündet. Symbolisch besiegelt wird das alles in der Ehe von Fabrizios Neffen Tancredi mit der schönen, aber gewöhnlichen Aufsteigerin Angelica. Neben dieser politischen Geschichte geht es, wie es sich für einen großen Roman gehört, aber vor allem um die ganz großen Fragen des menschlichen Lebens: Wie soll man leben, wie lieben und wie sterben? Don Fabrizio, nach den Leoparden im Familienwappen auch „il Gattopardo“ genannt, gibt darauf einige beeindruckende Antworten. Wir lernen ihn im ersten Kapitel auf dem Höhepunkt seiner körperlichen, geistigen und politischen Macht kennen und wir begleiten ihn im siebten Kapitel dreiundzwanzig Jahre später in den Tod. Ich kann mich nicht erinnern, je ein so berührendes Sterbekapitel gelesen zu haben („Winnetou III“ mal ausgenommen) mit eindrücklichen Bildern dafür, wie das Leben einen Menschen langsam verlässt. Fabrizio zieht gelassen ein ziemlich niederschmetterndes Fazit: „Ich bin dreiundsiebzig Jahre alt, in Bausch und Oben werde ich davon gelebt haben, wirklich gelebt, eine Gesamtsumme von zwei… drei  höchstens. Und die Schmerzen, die Öde, wieviele Jahre waren das? Unnütz, das mühsam zusammenzuzählen – alles, was übrigbleibt: siebzig Jahre.“ Genug gesagt, ein großartig melancholisches Buch, das dem Leser zuruft: Das Leben rennt, carpe diem!

Die junge Angela Merkel, Hello Kitty und ein Sprung ins kalte Wasser – die neue Folge hat wieder einiges zu bieten!

Viel Spaß mit:
Benedict Wells: „Das Ende der Einsamkeit“
Jakob Hein: „Kaltes Wasser“
Michel Bergmann: „Alles was war“

 

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